Sonntag, 27. September 2015
[ audio ] vor drei jahren schrieb ich hier anders. ich hatte weniger routine mit dem thema tod, manchmal wusste ich auch nicht, wie ich mich verhalten sollte. es war mir wichtig leise zu sprechen, die richtigen worte zu finden, angehörigen viel raum zu geben. jetzt, drei jahre später führe ich viel mehr smalltalk, erzähle im beratungsgespräch auch mal von mir. immer noch einfühlsam, anders kann ich gar nicht. aber beileibe spreche ich nicht mehr in diesem flüsterton, der mich gerade beim anhören der älteren blogbeiträge auf die palme brachte. als sei trauer nur leise.
Sonntag, 20. September 2015
[ audio ] die haustür fällt ins schloss in deinen schoß, du fällst auf die knie. du hast noch knie. du hast noch haut. fang an zu schreien. nein, sing. hier auf den stufen, hier schallt es schön.
dein treppenhaus
Mittwoch, 6. Mai 2015
[ audio ] hallo grab. zwei jahre sind vergangen, seit ich das letzte mal hier gewesen bin. dazwischen sah ich keinen nutzen für dieses blog. es war mir ein klotz am bein, wie so vieles. nur habe ich nichts dagegen getan. das blog schlief einfach an meinem bein.
standby scheint typisch für unsere heutige gesellschaft zu sein. wir haben eine riesige auswahl; fangen hier was und da was an, lassen liegen, laufen weiter, schneller, weil das andere vielversprechender klingt, kehren um, vergleichen, werfen nicht weg, sammeln eindrücke, interieur, menschen. lebendige und oft genug auch tote. und beenden selten. richtig.
ja zum beispiel kürzlich, da wollte ich mir nach ein paar monaten ein rezept für ein medikament bei meiner hausärztin abholen. fortschrittlich wie wir ja sind (um nebenbei noch mehr dinge anzufangen), öffnete ich die webseite um online zu bestellen und sah, dass sich die gemeinschaftspraxis in einem neuen licht präsentiert. freude/wie schön/mehr transparenz/lalala. nur meine hausärztin wird nicht mehr im team aufgeführt. sie ist weg. wurde ersetzt. kommt nicht mehr wieder. ich fühlte mich beraubt. unfertig. der abschied von ihr ist offen. schon gefiel mir die neue internetpräsenz nicht mehr so wie zuvor. die lachenden arzthelferinnen auf den fotos wirken überspielend, am liebsten hätte ich kommentiert. das ist aber nicht möglich; also hänge ich in der luft mit meiner neugierde meinen genesungswünschen mit neuer last am bein.
ich überlegte mir also, dass ich einen ort brauche. einen recyclinghof, oder so. darum möchte ich jetzt gern wieder hier schreiben.
Montag, 15. Oktober 2012
[ audio ] heute um zehn holte ich die sieben
kleinen schachteln aus dem klinikum und fuhr mit ihnen auf den
friedhof. dann hob ich das erste oberteil an und grüßte das kleine
kindchen. ich hätte die schachteln auch ungeöffnet in den großen
sarg legen können, doch da war mir nicht nach.
so stand ich in unserem
versorgungsraum. war allein, es war ganz still. in jedem weißen
schächtelchen lag ein minimensch, eingehüllt in eine bunte decke.
eins trug gar eine mütze, ein anderes nuckelte an seinem daumen.
liebe mütter, liebe väter, ich möcht' nur sagen, ich hab sie wohl gebettet. sie reisen jetzt. ❤
Montag, 3. September 2012
[ audio ] anlässlich des freitods eines
twitterers melde ich mich nach längerer zeit zu wort. ich möchte
nicht viel schreiben, mir liegt nur eins am herzen:
wenn ich einen menschen, der den tod
für sich wählte, abhole, dann habe ich respekt. ich respektiere
seine entscheidung und wünsche ihm eine gute reise.
das wünsche ich mir auch von euch.
Samstag, 16. Juni 2012
wenn ich einen vergleichbaren mulm finden möchte, sehe ich nutten, die in einem bordell an der bar sitzen oder mafiabosse.
das liegt daran, dass ich noch nie in einem bordell war und einen mafiaboss kenne ich auch nicht, aber der ist bestimmt wie ein mafiaboss. wisst ihr, ich will da gar nicht hin. glaub ich.
zu uns will auch keiner. da ist ein mensch weg, man will nichts regeln. er kommt nie wieder, man will sich verkriechen, nichts essen, nichts trinken. UND DIESEN MENSCHEN LIEBTE MAN, VERKACKTE SCHEISSE!
weitere parallelen gibt es wohl nicht, oder sehe ich aus wie ein mafioso?
ich bin eine kauffrau, ich verkaufe euch einen sarg und kämme eurer frau die haare. dabei geht es natürlich um geld, wie bei einer nutte. sie bietet euch ja auch eine leistung an. ist alles nicht verwerflich.
das schöne ist, es geht nicht nur um den sarg und das geld. es ist eine traurige zeit, sie braucht ein i-tüpfelchen, sonst bleibt sie unvollständig.
sagt, was ihr wollt! zeigt, was ihr euch aufgeschrieben habt, bringt fotos, bringt farben und musik für eure tränen.
vielleicht besucht ihr mich mal oder trinkt mal was in einem bordell? andererseits, es muss auch nicht gleich dieser mulm sein, der ist ja mein mulm. ihr könnt eine spinne anfassen oder jemanden küssen. mal nein sagen ist auch ganz nett.
Freitag, 18. Mai 2012
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| ( http://sternenkinderhimmel.de/ ) |
am 10. mai 2012 ging dann endlich durch die presse, dass die bundesregierung durch die petition dieser sternenkindereltern eine ergänzung des personenstandsrechts erwirke. aha. die bundesregierung.
während der jubel groß ist, lese ich, dass diese ergänzung in kraft tritt, "sofern das parlament dem zustimmt." demnach ist da noch gar nichts hundertprozentig unter dach und fach. liebe cdu/csu, ja so ein zufall, dass ihr euch drei tage vor der landtagswahl in nrw so schön von über 40 000 unterschriften und einem kabinettsentwurf umjubeln lasst. hipp hipp hurra. aber herr bundestag, dann mach JETZT hinne!
Sonntag, 22. April 2012
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| http://www.sternennest.de/ |
[ audio ] wenn sich euer baby im mutterleib entschlossen hat, nicht atmen zu wollen, bekommt ihr einen termin zur ausschabung, werdet narkotisiert und wacht mit einem grausamen leeregefühl wieder auf. das gleiche passiert, wenn du dich als mutter zu einem schwangerschaftsabbruch entschieden hast. das baby ist dann nicht nur tot, in den meisten fällen ist es auch weg. gynäkologen lassen den müttern und vätern keine wahl. ungefragt wird das kind in einen sammelsarg gelegt und die patientin mit schmerzmitteln nach hause vertröstet. wer kommt schon in solcher situation auf die idee nach seinem baby zu fragen? meiner ansicht nach ist das sache des arztes! er sollte bereits im gespräch vor der ausschabung fragen, ob die (ein)eltern ihr baby sehen möchten.
zu hause liegen wir dann mulmig durch die narkose – leer einfach nur leer – in unserem bett und können es nicht begreifen, ja weil wir nichts greifen konnten. wir müssen nun mit dem tod unseres kindes leben, und hängen mit unseren gedanken in der luft. unsere sinne haben keinen ort zum trauern.
versteht mich nicht falsch, niemand sollte gezwungen werden einen verstorbenen anzusehen, gar anzufassen. ich denke vielen würde es auch genügen, ihr baby in einer kleinen schachtel mit watte gepolstert zu wissen. euer gynäkologe kann die schachtel beim gespräch nach der ausschabung vor euch auf den tisch stellen, ihr könnt einmal über das kistchen streichen und erfahrt, wo das feld der sternenkinder auf dem ortsansäßigen friedhof ist. das beruhigt, denn es ist wichtig in klarheit trauern zu können.
für kinder mit einem gewicht von unter 500g besteht keine bestattungspflicht, dennoch habt ihr einen bestattungsanspruch und könnt euch von eurem gynäkologen eine todesbescheinigung ausstellen lassen, um euer baby fern der gemeinschaftsfelder bestatten zu können. ihr dürft die schachtel, in dem euer baby liegt dann aus der klinik oder praxis mitnehmen und tragt sorge dafür, dass es auf einem friedhof ruhe findet.
wer aber sein kleines zartes kind sehen mag, der öffne vorsichtig den deckel, lege vielleicht ein briefchen hinein und atme ganz tief durch.
Sonntag, 15. April 2012
| erik henningsen, 1886 "barnemordet" |
[ audio ] manchmal stehe ich vor meinen bücherregalen und fordere die luft auf mir ein buch in die hände zu legen. das ist ein bisschen wie im tv zappen. so war es auch heute und wenig später saß ich mit knut hamsuns segen der erde am kaffeetisch.
es ist eine dieser gebundenen ausgaben, die mir einmal vermacht worden ist und der ich die ehre in meinem regal gebe, denn bücher verdienen auch heute noch ein zu hause. zunächst aber las ich diese und andere rezensionen rezensionen! rezensionen um mir einen überblick über die handlung zu verschaffen. der rahmen von segen der erde lässt sich am besten mit einer partie die siedler von catan nachspielen. ferner geht es um den kontrast stadt-land und weshalb ich diesen roman überhaupt hier erwähne um infantizide. kindsmorde.
so schlug ich das buch einfach irgendwo auf (zapping!), landete im zweiten teil, im zweiten kapitel und las von barbro, die ein kind von axel erwartete. (lesedauer: 30min.) hamsun erzählt hierin von einer kindstötung eines neugeborenen, im fachjargon (ganz scheußlich) neonatizid genannt. im vortrag der gynäkologin prof. dr. med. anke rohde der uniklinik bonn können wir nachlesen, dass kindstötungen heutzutage in etwa 40-50 mal im jahr in deutschland vorkommen. wikipedia (jaja) sagt, dass es vor rund 150 jahren noch um die 300 fälle gewesen seien. doch die dunkelziffern sind uns selbstredend damals wie heute nicht bekannt.
heute haben wir allerdings mehr zeit und kraft zu reden. innerhalb der familie, unter freunden, bei der beratungsstelle. heute ackern wir nicht mehr zuhauf auf feldern, in herrenhäusern so dass wir zu müde sind, um uns im bett gedanken darüber zu machen, wenn wir (ungewollt) schwanger sind. es ist durch unser sozialsystem auch keine misere, keine hungersnot mehr, auch wenn armut armut bleibt. nur anders. angepasst an unsere heutige zeit.
eine solche tat in klassifikationssysteme aufgedröselt wird vielleicht verständlicher, doch lässt sie uns dennoch mit dem kopf schütteln. es ist auch vollkommen in ordnung über diese straftat zu fluchen, doch sollten wir dabei nicht vergessen, dass wir es als gesellschaft sind, die unseren teil dazu beitragen. wenn wir weg gucken, oder hingucken und unseren finger hineinpressen, statt unsere hand zu reichen.
Montag, 2. April 2012
durch eine twitterin aus iowa ( thank you for your lovely words, my dear. it is good to open my mind while talking to you. ❤ ) erinnerte ich mich an einen meiner liebsten filme. schaut euch die sequenz aus what's eating gilbert grape an und verfeuert die woche!
Dienstag, 20. März 2012
| edvard munch : das kind und der tod (1899) |
[ audio ] schön, dass es situationen gibt. unser leben ist eine perlenkette von situationen. zwar nicht immer so weiß und hart wie eine perle, doch eine situation folgt auf die andere die dann mal weiß, mal weich, mal schwarz, mal hart ist. ich finde am schönsten sind situationen, die einem besonders nahe gehen. die wir besonders nahe an uns heran lassen. das können geile situationen sein, traurige, besonders freudige und fürchterlich schreckliche situationen sein, die wir alle auf unsere perlenkette, in unser leben fädeln und somit respektieren.
dass wir an einer perle in fürchterlich schrecklichen situationen schwer zu tragen haben, sieht man der perlenkette hinterher nicht an. wir sehen nur noch, dass die perlen miteinander verbunden sind. das schwarz, aber auch bunte mancher perlen funkelt noch in der sonne um den hals und erinnert uns, dass wir besonders nahe und tief durch diese situation gegangen sind.
eigentlich wollte ich über kinder und beerdigungen schreiben, aber die situation ließ etwas anderes zu. doch nehmt sie einfach mit! die situationen und eure kinder. sie dürfen (und müssen!) genauso trauern, wie wir großen.
Montag, 5. März 2012
| bildquelle |
kürzlich ist im journal of medical ethics ein artikel über (ich sage lieber) den lebensabbruch von neugeborenen erschienen. nach den thesen von alberto giubilini und francesca minerva haben wir das recht ein baby zu töten, weil es noch kein (irdisch geformtes) bewusstsein hat. das wohlbefinden unseres bereits denkenden seins steht über dem des dummen säuglings.
ich stelle mir nun die frage, wie bewusst wir sind und wie bewusst uns der vorgang ist, wenn wir narkotisiert mit gespreizten beinen eine abtreibung vornehmen lassen? nehmen schwangerschaftsabbrüche durch die möglichkeit der after-birth-abortion ab? (ist die vision dieses tötens eine der dschungelcamp-emotionen der zukunft?)
Donnerstag, 1. März 2012
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